Dann wäre das Ungefähre nicht der schlampige Cousin der Wahrheit, der mit Kaffee auf dem Hemd zu spät zur Wirklichkeit kommt. Dann wäre es ihr heimlicher Beschützer. Einer, der nicht imponieren will, einer, der einfach neben dir geht und dafür sorgt, dass du nicht an der nächsten Ecke in deine eigenen Gewissheiten rennst.

Das vermeintlich Gewusste dagegen tritt oft auf wie ein Ordnungshüter. Es sortiert Menschen in Schubladen, Gefühle in Ursachen, Tage in Sinn. Es hat diese beruhigende, gefährliche Stimme: Ich hab’s verstanden. Und plötzlich wird alles eng.

Das Ungefähre trägt keine Uniform. Es kommt wie Wetter. Es sagt: So fühlt es sich gerade an. Und dieser Satz ist eine kleine Revolution, weil er nichts behauptet, was morgen schon wieder als Lüge dasteht. Es ist die Kunst, nicht zu früh zuzumachen. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Respekt.

Denn Gewissheit ist oft ein Fluchtweg, getarnt als Ziel. Man nennt es Klarheit, und meint Kontrolle. Man nennt es Wissen, und meint: Bitte keine Überraschungen. Dabei sind Überraschungen das Einzige, was Leben eindeutig als Leben identifiziert. Alles andere ist Verwaltung.

Und das Ungesicherte, dieses stille, unbedarft Folgende, wirkt wie jemand, der nicht ständig seinen Puls misst. Er geht. Nicht, weil er nichts zu verlieren hat, sondern weil er spürt: Wer jeden Schritt absichert, kommt nicht ins Gehen.

Das Ungesicherte ist nah am Leben: Weil Leben selbst ungesichert ist. Es gibt keine Garantieverlängerung für Gefühle. Keine Rückgabefrist für Entscheidungen. Keine Bedienungsanleitung für Trauer, keine Checkliste für Nähe. Und doch passierts. Still. Tag für Tag. Wie Gras, das sich nicht dafür entschuldigt, dass es wächst.

Das Ungefähre ist in diesem Sinn ungefährlicher, weil es weniger Schaden anrichtet. Es überfährt niemanden mit einem Urteil. Es zementiert nichts, was weich bleiben sollte. Es lässt Menschen in ihrer Bewegung. Es lässt dich in deiner Bewegung. Und es hat dieses seltene Talent, nicht sofort eine Geschichte zu bauen, nur weil etwas kurz unangenehm wirkt.

Spürbar an Sprache. Sobald jemand sagt: Ich weiß genau, wie du bist, wirds kalt. Wenn jemand sagt: Ich kann dich gerade nicht ganz greifen, aber ich bleibe da, wirds warm. Weil es Raum lässt. Weil es nicht nimmt, was es nicht verdient hat: Endgültigkeit.

Die stille Weisheit des Ungesicherten: Es läuft dem Leben nicht hinterher, um es festzunageln. Es läuft mit. Unauffällig. Wie ein Schatten, der nicht droht, sondern einfach zeigt, dass da Licht ist.

Wo in deinem Leben rettet dich das Ungefähre gerade. In einem Gefühl, das sich noch nicht benennen lässt. In einer Entscheidung, die noch nicht reif ist. Oder in einer Begegnung, die nicht erklärt werden will, nur erlebt?