Dann wäre der Schatten kein Makel mehr, kein dunkler Fleck auf der Tapete des Selbstbilds. Dann wäre er Resonanzraum. Ein dunkler Raum, in dem das Licht erst merkt, dass es Licht ist, weil es nicht dauernd in der eigenen Helligkeit ertrinkt.

Der Schatten des anderen. Das klingt nach Bedrohung, nach Überlagerung, nach jemandem, der sich vor deine Sonne stellt. Aber oft ist es genau andersherum: Der andere wirft einen Schatten, weil er da ist. Weil er Substanz hat. Und plötzlich merkst du an dir Stellen, die vorher unbemerkt leuchteten, weil sie niemand berührt hat.

Manchmal ist das fast komisch. Du triffst jemanden, der nicht viel sagt, der nicht mit Strahlern kommt, nicht mit großen Erklärungen. Und trotzdem passiert etwas. Dein eigenes Licht wird wach. Nicht dieses Reklame Licht, das beweisen muss, dass es hell ist. Eher ein inneres Glimmen, das sagt: Ach so. Hier darf ich sein.

Wenn der Schatten dann selbst zur leuchtenden Dunkelheit wird, verändert sich das ganze Drama. Denn dann ist Dunkelheit nicht mehr das, was fehlt, sondern das, was hält. Samt ist ja genau das: weich, schluckt Kanten, nimmt Lautstärke raus, macht Nähe möglich, ohne zu überfordern. Eine Dunkelheit, die nicht verschlingt, sondern umhüllt. Fruchtbar statt furchtbar.

Ein schöner Perspektivwechsel: Nicht mehr Licht gegen Schatten, wie so eine kleine innere Rangelei. Sondern Licht und Schatten als ein Paar, das sich gegenseitig erst lesbar macht. Wie in der Fotografie, wo Kontrast nicht der Feind ist, sondern die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas sichtbar wird. Ohne Schatten kein Körper. Ohne Tiefe keine Berührung.

Und dann kippt auch dieses alte Missverständnis: Nähe müsse immer hell sein. Als wäre Intimität ein Scheinwerfer, der alles ausleuchtet, bis kein Geheimnis mehr übrig bleibt. Dabei entsteht echte Nähe oft in gedimmten Räumen. In dem Moment, in dem niemand performen muss. In dem man nicht tadellos auftreten muss, um bestehen zu dürfen. Nur anwesend. Nahbar statt distanziert.

Der Schatten des anderen kann dich also nicht nur herausfordern. Er kann dich erden. Er kann dir zeigen, wo dein Licht zu grell war, zu stolz, zu einsam. Und er kann dir eine Dunkelheit anbieten, die nicht aus Angst gemacht ist, sondern aus Vertrauen: Du musst nicht alles zeigen, um ganz da zu sein.

Vielleicht ist das die eigentliche Reife: Dass man nicht mehr vor Schatten flieht, als wären sie automatisch Gefahr. Dass man sie befragt. Dass man lernt, in ihnen zu stehen, ohne sich zu verlieren. Und dass man irgendwann sogar spürt: Hier wächst etwas. In der stillen Zone. In der samtigen. In der, die nicht sofort bewertet.

Sag mir: Meinst du mit dem Schatten des anderen eher die Verletzlichkeit des anderen, die dich berührt. Oder seine Grenzen, die dich erst erkennen lassen, wo du selber leuchten willst. Oder diese ruhige, dunkle Präsenz, die nicht einengt, sondern endlich Platz macht.