Was wenn wir in den Einklang kommen, aus der Verstimmung in die Einstimmung? Das das Befremdliche die Schwelle markiert.
Einklang als Vorgang. Wie Stimmen vor dem Konzert, dieses Chaos aus einzelnen Tönen, die erst mal gar nicht zusammenpassen. Und trotzdem ist genau das der Anfang des Konzerts.
Wir haben eine zu romantische Vorstellung von Harmonie. Alles passt, alles fließt, nichts hakt. Dabei entsteht Einklang oft nicht trotz der Verstimmung, sondern durch sie. Verstimmung ist ein Hinweis. Ein inneres Aua, das sagt: Hier stimmt etwas nicht mehr mit dem, was ich mir erzähle. Oder mit dem, was wir spielen, während wir so tun, als wäre es unser Lied.
Von der Verstimmung in die Einstimmung. Das ist schön, es benennt die Richtung, nicht das Ziel. Einstimmen heiß sich auszurichten. Aufeinander hören. Den eigenen Ton finden, ohne den anderen zu übertönen. Weniger Einigung, mehr Abstimmung. Und manchmal auch das Eingeständnis, dass der Ton, den man jahrelang gespielt hat, gar nicht der eigene war, eher ein gelernter Klang, ein angepasstes Summen.
Und dann das Befremdliche.
Ich denke, das Befremdliche ist oft der ehrlichste Türsteher der Seele. Es steht da, verschränkt die Arme, sagt nichts Gemeines, sagt nur > Du kennst das noch nicht. Du kannst es nicht sofort einsortieren. Und genau darum lohnt es sich, genau hinzuschauen. Befremdlichkeit ist ein Schwellengefühl. Nicht Gefahr, eher Grenze. Dort, wo Gewohntes endet, fängt Wahrnehmung an.
Wir fliehen gern vor diesem Moment, weil er sich anfühlt wie Kontrollverlust. Als hätte man kurz keinen Boden. Aber Schwellen sind genau dafür da, um zu zeigen, dass es einen anderen Raum gibt. Man muss nicht sofort hineinrennen. Man darf stehen bleiben, atmen, hören. Kurze Innehalten, in dem man merkt, dass etwas Neues anklopft.
Im Zwischenraum zwischen Verstimmung und Einklang passiert das Wesentliche. Da liegt die Entscheidung, ob wir das Befremdliche als Fehler behandeln oder als Hinweis. Ob wir es wegmachen wollen oder ob wir fragen „Was will hier gerade in mir, in uns, anders werden“
Ganz alltäglich. Eine Bemerkung, die nicht sitzt. Ein Blick, der länger dauert. Eine Grenze, die jemand zieht. Ein Moment, in dem du dich plötzlich nicht mehr in deiner Rolle wohlfühlst. Das sind Schwellen. Kleine. Aber sie markieren Übergänge.
Welches Befremdliche nimmst Du wahr. In dir selbst, einen neuen Impuls, der nicht ins alte Bild passt. Oder zwischen dir und einem Menschen, wo etwas kippt, nicht schlecht, nur anders. Und spürst du die Verstimmung eher als Unruhe, als Müdigkeit, als Widerstand im Körper.
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Das Headerbild, aus der Serie Contact Improvisation, ist mehr als ein Einstieg: Dieses ist als Fine Art Print erhältlich. Bei Interesse setz dich gern mit mir in Verbindung. > Kontakt
