Dann wären wir keine zwei fertigen Figuren, die sich treffen, abgleichen, ergänzen und wieder auseinandergehen wie sauber sortierte Puzzleteile. Dann wären wir eher zwei Hände an einem Knoten. Nicht um ihn fester zu ziehen, aus Angst, es könnte etwas entgleiten. Vielmehr um ihn zu lösen, bis das Seil nicht mehr schneidet.

Einander bedingen, um lose zu werden. Ein schöner Widerspruch. Und zugleich so menschlich. Wir denken oft, ich werde frei, wenn ich niemanden brauche. Als wäre Bedürftigkeit eine schlechte Angewohnheit. Dabei ist es oft genau anders, Freiheit entsteht, wenn du in Gegenwart eines anderen nicht mehr musst. Du musst nicht glänzen, nicht mehr erklären, nicht mehr verteidigen.

Lose werden heißt nicht, dass es egal ist. Es heißt nicht zu verkrampfen. Nicht diese innere Faust, die ständig etwas hält, obwohl sie längst müde ist. Leicht sinnig klingt nach einer Form von Ernst, die nicht schwer sein möchte. Kein Tieferlegen der Stimme, sobald es um’s Wesentliche geht. Eine Wahrheit, die sich traut, auch spielerisch zu sein. Weil sie nicht mehr beweisen muss, dass sie wahr ist.

Und dann der innere Atem. Flügge wird er, sagst du. Als hätte er lange in einem Käfig aus Gewohnheit gesessen. Ein Käfig, den man selbst gebaut hat, aus Sätzen wie „So bin ich eben“. Das geht nicht. Das macht man nicht. Dafür ist jetzt keine Zeit. Und dann kommt ein Gegenüber, das nicht an den Gitterstäben rüttelt, nicht moralisch predigt, dich nicht zur Freiheit überreden will. Einfach da ist, so klar, dass du merkst: Du darfst größer werden.

Es ist eine zarte Art von Befreiung. Kein Bruch. Keine dramatische Trennung von allem Alten. Eher ein leises Nachgeben im Inneren. Du merkst erst dann, wie sehr du die Luft angehalten hast.

Und diese Gefilde, von denen wir nur verhalten zu träumen wagen. Ich mag dieses verhalten, weil es die Scham kennt, die oft an Träumen hängt. Als wären Träume etwas, wofür man sich rechtfertigen müsste. Als wären sie zu groß, zu weich, zu unpraktisch. Dabei sind es oft keine großen Fantasien, eher ein schlichtes Bild, ein Leben, in dem du dich nicht ständig zusammenziehst.

Dafür bedingen wir einander, nicht um uns gegenseitig zu fixieren, sondern um uns gegenseitig zu entknoten. Der andere als Spiegel, ja. Aber nicht als Spiegel, der prüft. Eher als Spiegel, der dir zeigt, da ist noch mehr. Da ist noch etwas, das du nicht erfunden hast, sondern vergessen.

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Das Headerbild, aus der Serie Contact Improvisation, ist mehr als ein Einstieg: Dieses ist als Fine Art Print erhältlich. Bei Interesse setz dich gern mit mir in Verbindung. > Kontakt