Diese Frage zeigt, dass Liebe nicht eine Gefühlspfütze ist, in die man tritt und dann wird alles hell und klar. Sie ist Weg. Praxis. Etwas, das man lebt, nicht besitzt.

Liebe zu leben heißt zuerst sie nicht mit der warmen Illusion zu verwechseln, die am Anfang über allem liegt. Dieses Licht zum Anfang ist schön, keine Frage. Aber seine Stärke beweist sich nicht im Leuchten, sondern im Bleiben. Nicht im Festhalten, sondern im Wiederfinden. Immer wieder.

Ob sie überlebt. Ich denke, Liebe lebt dort, wo sie sich verwandeln darf. Wo sie nicht als Beweisstück geführt wird, nicht als Vertrag, nicht als Besitz. Wo sie in schlechten Tagen nicht sofort als widerlegt gilt. Viele Dinge sterben nicht an zu wenig Gefühl, sie sterben an zu viel Anspruch. An der Idee, es müsse immer so sein wie beim ersten mal, als die Welt leicht, und das Herz noch keine Buchhaltung führte.

Ob wir über uns hinauswachsen können, um zu uns zu finden klingt paradox, ist aber genau der Punkt. Über uns hinaus meint ja, die alten Selbstversionen zu verlassen. Die, die gelernt haben zu schützen, zu glänzen, zu kontrollieren, zu gefallen. Und zu uns finden heißt dann: unter all dem wieder ankommen. Bei dem Kern, den du längst ahnst. Dieses Wissen, das nicht schreit, das nicht argumentiert, das einfach da ist wie ein Ton, den man im Lärm verloren hat.

Liebe ist dabei kein Heiligenschein, eher ein Schleifstein. Sie zeigt dir, wo du weich wirst, wo du hart geworden bist, wo du ausweichst, wo du mutig bist. Und sie fragt dich: Bist du bereit, wahr zu sein, auch wenn es dich kleiner macht im Außen. Bist du bereit, dich zu zeigen, ohne dich zu verkaufen. Bist du bereit, Nähe zuzulassen, ohne sie zu kontrollieren.

Die eigentliche Stärke der Liebe ist, dass sie nicht nur tröstet, sondern aufrichtet. Dass sie nicht nur bestätigt, sondern ausrichtet. Und dass sie dich in Kontakt bringt mit dem, was du sonst umgehst: deiner Sehnsucht, deiner Angst, deiner Zärtlichkeit, deiner Grenze.

Und ja, dieses Suchen, ein Leben lang. Das ist ein Zeichen von Lebendigkeit. Der Kern, den du ahnst, ist nicht irgendwo versteckt wie ein Schatz. Er zeigt sich in Momenten, wenn du nicht spielst. Wenn du nicht beweist. Wenn du still wirst und nichts brauchst, um zu gelten. Lieben, ohne zu verhandeln.

Wenn du an diesen Kern denkst, wie fühlt er sich an. Ruhig. oder klar. Oder wie eine warme Schwere. Wo genau merkst du, dass du ihm ausweichst.

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Das Headerbild, aus der Serie Contact Improvisation, ist mehr als ein Einstieg: Dieses ist als Fine Art Print erhältlich. Bei Interesse setz dich gern mit mir in Verbindung. > Kontakt