Was wenn es nicht um dich, um mich geht sondern in unseren Herzen die Saat für eine zukünftige Menschheit sich durch die Verkrustungen der Zeit werkt?
Dann wären wir nicht die Hauptfiguren, sondern Boden.
Ein Gedanke, der zugleich entlastet und fordert. Entlastet, weil dieses ewige Ich Projekt, ich muss mich finden, ich muss mich heilen, ich muss mich erklären, kurz Ruhe gibt. Fordert, weil Bodenarbeit selten glamourös ist. Man steht da, wartet, hält aus. Und genau dort entscheidet sich, ob später etwas wächst.
Wenn in unseren Herzen eine Saat für eine zukünftige Menschheit liegt, dann arbeitet sie nicht mit Durchsagen. Sie kommt nicht mit Manifest und Trommelwirbel. Sie wirkt, wie du es sagst: sie werkt. Ein Wort, das nach Händen klingt, nach Erde unter den Nägeln. Nach etwas, das sich durchschiebt, obwohl oben alles verkrustet ist.
Diese Verkrustungen der Zeit, das sind ja nicht nur alte Systeme und kalte Strukturen. Das sind auch unsere kleinen privaten Verhärtungen. Die Sätze, die man oft genug gesagt hat, bis sie wie Stein werden: so sind die Menschen. so läuft das eben. ich kann nicht mehr. Dazu kommen die Krusten aus Beschleunigung: zu wenig Stille, zu viel Meinung, zu viel Reaktion. Und dann noch die Kruste aus Scham: bloß nicht zu weich, bloß nicht zu offen, bloß nicht zu sehr hoffen.
Und doch arbeitet darunter etwas. Eine Saat hat diese unverschämte Geduld. Sie diskutiert nicht. Sie macht keinen Plan. Sie bricht einfach auf, wenn die Bedingungen stimmen. Wärme, Wasser, Dunkelheit. Ja, Dunkelheit auch. Das ist der Teil, den wir gern übersehen: Zukunft wächst oft im Unsichtbaren.
Vielleicht ist die zukünftige Menschheit keine neue Spezies, sondern eine neue Gewohnheit des Herzens. Eine andere Art zu antworten. Eine andere Art zu sehen. Eine andere Art, mit Macht umzugehen, mit Nähe, mit Angst. Nichts Großes im ersten Moment. Eher die Entscheidung, nicht zurückzuschlagen. Oder zuzuhören, ohne gleich zu retten. Oder wahr zu sprechen, ohne zu verletzen. Das sind winzige Handlungen, aber sie haben eine lange Wirkungslinie.
Und dann wird es plötzlich sehr konkret: Wenn es nicht um dich oder mich geht, heißt das nicht, dass wir egal sind. Es heißt, dass wir Durchgang sind. Dass etwas durch uns lernen will, Mensch zu sein. Dass das Herz ein Ort ist, an dem Geschichte sich umschreiben lässt, nicht als Theorie, sondern als Praxis. Ein bisschen weniger Kruste, ein bisschen mehr Durchlässigkeit.
Ich mag an deinem Bild, dass es nicht nach Mission klingt, eher nach innerer Landwirtschaft. Keine Heldentat. Mehr: tägliche Pflege. Und manchmal auch: Unkraut jäten. Diese alten Reflexe, diese schnellen Urteile, diese müden Zynismen, die sich so gut anfühlen, weil sie nichts riskieren.
Welche Kruste spürst du gerade am stärksten. Die aus Enttäuschung. Die aus Müdigkeit. Die aus Angst, dass Güte ausgenutzt wird. Und was wäre eine kleine Geste, die heute Wasser wäre für diese Saat. In einem Satz, in einem Blick, in einem Nein, das nicht hart ist, aber klar.
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Das Headerbild, aus der Serie Contact Improvisation, ist mehr als ein Einstieg: Dieses ist als Fine Art Print erhältlich. Bei Interesse setz dich gern mit mir in Verbindung. > Kontakt
