Was wenn wir hier untergehen um an fernen Horizonten aufzugehen? Den Schwarzmond durchqueren um von der Fülle geerntet zu werden?
Untergehen wäre dann kein Scheitern, es wäre ein Ortswechsel. Ein Verschwinden aus dem Blickfeld jener, die nur glauben, was im Scheinwerfer steht. Man geht unter wie die Sonne, nicht, weil sie aufgibt, sondern weil die Welt sich weiterdreht. Und irgendwo, hinterm Horizont, geht sie wieder auf, ohne großes Theater.
Wir verwechseln das Untergehen gern mit Verlust. Dabei ist es nur eine stille Kündigung der Selbstbehauptung. Ein Rückzug aus dem Dauerbetrieb, aus dem ständigen Gesehenwerdenwollen, aus diesem unsichtbaren Vertrag: Ich bin nur da, wenn ich sichtbar bin. Untergehen heißt dann: Ich nehme mir die Bühne weg. Ich gehe in die Tiefe, wo keiner klatscht, und doch eine Menge wächst.
Die fernen Horizonte. Diese inneren Linien, an die man sich kaum herantraut, weil sie größer sind als die Rolle, die man gerade spielt. Man ahnt sie. Man träumt sie leise, verhalten, damit der Alltag nicht sofort sagt: Bleib realistisch. Man nennt sie verrückt, obwohl sie eher wahr sind als die halben Kompromisse, mit denen man sich durch Tage schleppt.
Der Schwarzmond. Passend. Nicht die Gnade eines kleinen Sichellichts, kein Trost in Silber. Nur diese dunkle, unsichtbare Stelle im Kalender der Seele, wo alles neu justiert wird, ohne dass du dafür einen Beleg bekommst. Ein Schwarzmond ist wie ein Raum, in dem man nichts sieht und genau deshalb nicht verloren ist. Ein Ort ohne Spiegel. Beängstigend, weil wir uns so gern über unsere Reflexionen definieren. Wer bin ich, wenn mich keiner zurückwirft.
Den Schwarzmond durchqueren heißt dann: nicht fliehen. Nicht gleich den nächsten Sinn, den nächsten Plan, die nächste Erklärung. Es heißt: nicht wissen und trotzdem bleiben. Eine Art Vertrauen, das nicht aus Zuversicht gemacht ist, sondern aus Präsenz.
Und dann dieses: von der Fülle geerntet werden. Dies kippt die Perspektive so schön. Nicht ich ernte. Ich werde geerntet. Als wäre das Leben selbst der Gärtner, der irgendwann sagt: Jetzt ist es reif. Jetzt darfst du heimkommen in etwas, das größer ist als dein Wille.
Fülle ist ja nie Dauerzustand. Fülle ist oft das Ergebnis von Leere, die nicht zugestopft wurde. Von stillen Phasen, in denen man scheinbar nichts produziert, aber innerlich umschichtet. Wie Erde im Winter. Von oben siehts tot aus, unten arbeitet es.
Wir gehen unter, wo wir uns zu sehr kennen. Wo wir uns zu sicher geworden sind in unseren Erklärungen und Rechtfertigungen. Wir verschwinden aus dem Gewohnten, damit etwas in uns auftauchen kann, das keine alten Kleider trägt. Und an fernen Horizonten gehen wir auf, nicht als bessere Version, sondern als wahrere.
Was ist dein Schwarzmond gerade. Trauer. Oder eine Müdigkeit. Oder dieses merkwürdige Nichts, das nicht depressiv ist, sondern leer wie ein Blatt Papier. Und wovor schützt dich im Moment noch das Licht, das du dir selbst machst.
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Das Headerbild, aus der Serie Contact Improvisation, ist mehr als ein Einstieg: Dieses ist als Fine Art Print erhältlich. Bei Interesse setz dich gern mit mir in Verbindung. > Kontakt
