Was, wenn unser Erwachen an die Wunden unserer uneingestandenen, echten Suche geknüpft ist – einer sehnsüchtigen, sehenden Suche nach Aufrichtung und Ausrichtung?
Dann wäre Erwachen kein Sonnenaufgang mit sauberer Horizontlinie, sondern ein Faden, der aus dem Schmerz gezogen wird. Langsam. Unaufgeregt. Und auf ein mal merkst du: Der Faden ist die ganze Zeit da. Er steckte nur fest in Stellen, die du lange übergangen hast.
Unsere Wunden, sagst du. Und gleich dahinter dieses Wort uneingestanden. Das ist der Schlüssel. Denn eingestandene Wunden haben schon Luft bekommen. Sie dürfen atmen, dürfen heilen, dürfen zu Narben werden. Uneingestandene Wunden dagegen arbeiten unter der Oberfläche. Sie schreiben Dialoge, ohne dass du sie hörst. Sie stellen Kulissen auf, ohne dass du merkst, warum du immer wieder in derselben Szene landest.
Und dann diese doppelte Bewegung: sehnend und sehend. Das ist schön, weil es ehrlich klingt. Sehnsucht ist kein bloßes Wollen. Sie ist etwas, das noch keine Worte hat. Sie sagt nicht: Ich hätte gern. Sie sagt: Da fehlt etwas, das mich ausrichten würde. Sehnsucht ist ein innerer Kompass, der sich weigert, sich mit Ersatz zu beruhigen.
Sehend wiederum ist das, was passiert, wenn du aufhörst, dich selbst zu überreden. Wenn du nicht mehr sagst: Ach, ist schon gut, war nicht so schlimm, ich funktioniere doch. Sondern wenn du einmal still wirst und merkst: Ich habe da etwas in mir, das ruft. Nicht laut, aber Beharrlich.
Wenn unser Erwachen an diese Wunden geknüpft ist, dann heißt das: Der Schmerz ist kein Fehler im System. Er ist die Stelle, an der das System überhaupt erst lebendig wird. Wie eine empfindliche Narbe, die Wetterwechsel spürt, bevor du in den Himmel schaust. Wunden sind Sensoren. Nicht schön, nicht romantisch. Aber wahr.
Auf und Ausrichtung. Das klingt nach etwas Größerem. Das klingt nach: Wohin mit mir. Wofür stehe ich, wenn ich nicht nur dauernd reagiere. Was ist mein inneres Oben, mein eigener Norden, jenseits von Anerkennung und Angst. Hier wird es heikel, weil Ausrichtung immer auch Verlust bedeutet: Du musst Dinge lassen, die dich bislang getragen haben, obwohl sie dich klein hielten. Gewohnheiten, Rollen, Schutzmechanismen, diese bequemen Umwege, auf denen man sich hervorragend beschäftigen kann, ohne je anzukommen.
An diesem Punkt werden Wunden fruchtbar. Nicht weil Wunden gut sind. Sondern weil sie dich nicht mehr in Ruhe lassen, sobald du es ernsthaft angehst. Sie treiben dich nicht in den Abgrund, sie treiben dich in eine Richtung. Sie sind die Wegweiser, unbequem, die sagen: Hier stimmt etwas nicht. Und darunter: Hier wartet etwas Echtes.
Und uneingestanden heißt dann: Wir haben es gespürt, lange. Wir haben es nur nicht unterschrieben. Wir haben den Vertrag mit uns selbst hinausgezögert.
Wenn ich dich jetzt im Ton deiner Frage zurückfrage: Welche Wunde meinst du. Eher die des Nicht Gesehen Werdens. Oder die des Sich Selbst Nicht Sehen Wollens. Und wenn diese Wunde sprechen dürfte, ohne dass du sie sofort beruhigst, würde sie eher sagen: Schau hin. Oder eher: Geh los.
_________
Das Headerbild, aus der Serie Contact Improvisation, ist mehr als ein Einstieg: Dieses ist als Fine Art Print erhältlich. Bei Interesse setz dich gern mit mir in Verbindung. > Kontakt
