Was, wenn das Herz keine Türen mehr braucht, weil es eine Lichtung geworden ist, in der sich das Unmittelbare zeigt, wie es ist?
Dann wäre das Herz kein Haus mehr.
Kein Flur, keine Klinke die man nur halb öffnet, damit niemand merkt, wie sehr man hofft, dass doch jemand kommt. Es wäre auch kein Museum der alten Verletzungen, in dem man Besucher bittet, leise zu sprechen, weil sonst der Staub der Erinnerung herumwirbelt.
Eine Lichtung ist etwas Unhöfliches, im schönsten Sinn. Sie hat keine Etikette. Sie fragt nicht nach Absicht oder Vorgeschichte. Sie ist einfach da. Und wer eintritt, steht plötzlich im Hellen, ohne dass jemand sagt: Bitte Schuhe ausziehen. Bitte nichts anfassen. Bitte erst beweisen, dass du bleibst.
In so einer Lichtung zeigt sich das Unmittelbare wie es ist. Das klingt zuerst nach Erleuchtung, nach großer spiritueller Gartenarbeit. In Wahrheit ist es eher wie ein ehrlicher Morgen: Du siehst, was da liegt. Die Tasse von gestern. Die offene Rechnung. Das Gesicht im Spiegel. Keine Drama im Gegenlicht. Und genau dadurch wirds sanft.
Türen sind immer auch Verträge. Du darfst rein, wenn. Du darfst bleiben, solange. Du darfst sehen, aber bitte nicht zu viel. Und wie viel Lebenszeit haben wir damit verbracht, an diesen Wenns herumzuschrauben, als wären wir nebenbei noch Hausmeister unserer eigenen Unzugänglichkeit.
Eine Lichtung bleibt ein Angebot ohne Bedingungen. Nicht naiv, nicht blind. Eher wach. Du merkst schneller, was nicht stimmt, weils sich nirgends verstecken kann. Auf einer Lichtung hat Selbstbetrug wenig Schatten. Und das ist befreiend. Man muss nichts mehr verteidigen. Man muss nicht mehr ständig erklären, warum man gerade wieder nicht kann, nicht fühlt, nicht antwortet. Man ist da. Punkt.
Und dann passiert etwas Komisches: Das Herz braucht keine Türen mehr, weil es nicht mehr im Modus der Belagerung lebt. Es ist nicht mehr diese Burg, die aus Angst vor dem Einsturz zur Festung wird. Es ist Raum. Offener Boden.
Die eigentliche Frage ist: Wer kommt mit so viel Offenheit klar.
Viele Menschen lieben Türen, weil Türen Rollen ermöglichen. Draußen der Besucher, drinnen der Gastgeber. Draußen der Wunsch, drinnen Kontrolle. Eine Lichtung nimmt diese Rollen auseinander. Du stehst da und kannst nichts tun, außer wahr sein. Und wahr sein ist unspektakulär. Ein stilles Einverständnis mit dem, was gerade ist.
Liebe ist keine Einlasskontrolle. Beziehung nicht mehr Sicherheitsarchitektur. Sondern Begegnung als Wetter. Es zieht durch, es klärt auf, es kommt Nebel, es kommt Sonne. Und du musst nicht jedes Mal ein neues Schloss einbauen.
Sag mal: Wenn dein Herz eine Lichtung wäre, woran würdest du es zuerst merken im Alltag. An deinem Körper, an deiner Stimme, an der Art, wie du jemandem zuhörst. Oder an dem Moment, in dem du nichts mehr zurückhältst, weil es nichts mehr zu bewachen gibt?
