Hikikomori
Ein Mensch am Fenster, der seit Jahren nicht mehr hinausgegangen ist und trotzdem jede Bewegung der Straße kennt. Er hat Staub auf den Schultern und eine beinahe höfliche Traurigkeit, als hätte er sich längst daran gewöhnt, übersehen zu werden.
Es gibt Menschen, die sich aus der Welt zurückziehen, und andere, die von ihr langsam vergessen werden. Dazwischen liegt ein Zimmer. Ein Bett, das die Form eines Körpers gelernt hat. Ein Vorhang, der das Licht nicht abhält, nur müde macht. Tassen mit kaltem Rand. Der Computer als letzter Hafen, als künstlicher Mond, der nachts zuverlässig aufgeht.
Als wäre Rückzug eine bewusste Reise gewesen, mit Koffer und Entschluss.
In Wahrheit geschieht es oft wie Regen. Erst bemerkt man nur eine sich verändernde Luft. Dann bleibt man einmal zu Hause. Irgendwann wird die Tür zu einem Gedanken, und Gedanken sind bekanntlich schwerer zu öffnen als Türen.
Die Welt draußen besitzt eine seltsame Grausamkeit: ihre Gleichgültigkeit.
Die Straßenbahn fährt pünktlich an unserem Verschwinden vorbei und selbst der Himmel betreibt sein Geschäft mit unverschämter Routine.
Und drinnen sitzt jemand der versucht, nicht am Lärm der Möglichkeiten zu ersticken.
Sei erfolgreich. Sei leicht. Sei sichtbar. Liebe richtig. Arbeite sinnvoll. Antworte schnell. Lächle auf Fotos, damit später jemand glaubt, du seist glücklich gewesen.
Also wird das Zimmer zu einer stillen Republik. Wo kein Kalender regiert. Eine Uhr hängt zwar an der Wand, aber sie hat ihre politische Macht verloren. Tag und Nacht vermischen sich wie Tinte im Glas. Das Leben wird vorsichtig betrachtet, wie ein Tier, dem man nicht ganz traut.
Eine Einsamkeit ohne Gott. Ein Kloster, dessen Liturgie aus Bildschirmen, Lieferdiensten und dem Geräusch der eigenen Schritte zum Kühlschrank oder der Toilette besteht.
Und doch wäre es zu einfach, darin nur Tragik zu sehen.
Menschen sind nicht zu schwach für die Welt, sondern zu empfindlich für ihre groben Hände. Sie hören Dinge, die andere erfolgreich übertönen. Die Erschöpfung hinter freundlichen Stimmen. Das mechanische Zittern im Begriff Karriere. Die Müdigkeit, die in Cafés zwischen zwei Laptops sitzt und so tut, als sei sie Produktivität.
Rückzug ist in diesem Fall kein Versagen, sondern ein instinktiver Akt der Selbstrettung. Nur dass Rettungsboote, wenn man zu lange darin bleibt, ebenfalls zu Gefängnissen werden.
Das Tragische ist nicht das Alleinsein. Der Mensch ist erstaunlich talentiert darin, mit sich selbst in Gesellschaft zu sein. Tragisch ist die langsame Verwandlung der Hoffnung in Gewohnheit.
Irgendwann wird das Klopfen an der Tür zu einer metaphysischen Frage.
Wer ist da?
Die Welt?
Ein Freund?
Die eigene Vergangenheit?
Oder nur der Paketbote mit etwas, das man bestellt hat, um sich kurz lebendig zu fühlen.
Die Erlösung besteht nicht aus großen Taten. Nicht aus Sonnenaufgängen, Therapiesätzen oder herbeigecoachten Neuanfängen. Schuhe anziehen. Das Fenster öffnen und dem Morgen erlauben, sich einzumischen.
Ein Schritt ist philosophisch gesehen ein sehr unterschätztes Ereignis.
Am Ende geht es wohl um nichts anderes als die dramatische Form einer uralten menschlichen Sehnsucht, dem Leben entkommen zu wollen, ohne dabei zu sterben.
Ein Wunsch, so alt wie jede Seele, die zu lange auf ihr eigenes Spiegelbild geschaut hat.
